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Artemis Lynch - Artemis Lynch - 04.09.2026 Ein Großteil dessen, was Artemis noch aus ihrer frühen Kindheit weiß, besteht aus undeutlichen Schemen und Schatten. Erinnerungen, von denen sie sich nicht einmal sicher ist, ob es wirklich ihre eigenen sind oder nicht viel eher das Ergebnis von vereinzelten Fotos und den Erzählungen ihrer Mutter. In erster Linie weiß sie, dass es hauptsächlich sie beide gab: Magaret und sie, die Tochter, die wohl einst mal einen Bruder hatte, der allerdings mit knapp einem Jahr an einer Lungenentzündung starb. Obwohl es stets hieß, dass Zwillinge einen besonderen Draht zueinander hatten, hat Artemis nicht einmal einen Bezug zu den Fotos, die sie von ihm kennt. Zu eigenartig scheint ihr der Gedanke, dass dieses Kind eigentlich in ihrem Alter sein und an ihrer Seite stehen sollte. Besonders in Anbetracht dessen, dass ihre Mutter so unheimlich unter dem Verlust des Jungen litt, fühlte sich Artemis nicht selten schlecht, so überhaupt nichts zu empfinden, wenn sie sich gemeinsam Bilder ansahen. Arian ist nicht mehr als ein fremdes Gesicht für sie. Eines, was sie nie wirklich kennengelernt hatte. Weitaus sparsamer als mit Arians Fotos ging ihre Mutter mit Bildern ihres Vaters um – von ihm nämlich kennt sie auch nach all den Jahren kein einziges. Wirklich viel über ihn erfuhr sie nie, denn kaum ein Thema hütete Magaret mehr wie ein Geheimnis als ihren Vater. Irgendwann erfuhr sie zumindest, dass er angeblich tot sei und angeblich deshalb kein Teil ihres Lebens. In Wahrheit lebten ihre Eltern bereits seit der Schwangerschaft getrennt voneinander. Inzwischen hinterfragt Triss ihre Herkunft gar nicht mehr, weil es nichts an dem ändern würde, was sie ist. Die Kindheit, an die sie sich besser erinnern kann, lief auch nicht ganz so, wie man es sich für ein kleines Mädchen wünschte. Gemeinsam mit ihrer Mutter lebte sie in New York und hatte keinen blassen Schimmer davon, dass ihr Magie innewohnte. Zuhause war es nicht selten unordentlich, weil der Haushalt ihrer Mutter über den Kopf wuchs, doch damals konnte Artemis sich noch nicht erklären, dass die stillen Momente und die Tage, an denen ihre Mutter es so spät erst aus dem Bett schaffte, mit dem Tod ihres Bruders zusammenhingen. Je älter sie wurde, desto mehr übernahm sie eigenverantwortlich Aufgaben im Haushalt, um ihre Mutter zu entlasten. Irgendwann wurde ihr bewusst, dass die Ausbrüche und Launen der älteren Lynch mit dem Alkohol zusammenhingen, der mehr oder minder zum Alltag gehörte. Irgendwann rang sich die junge Triss dazu durch, ihre Mutter mit ihren Sorgen zu konfrontieren, doch sie stieß auf leere Versprechungen und geheucheltes Verständnis, das Magaret mit jedem Mal vehementer vertrat, das Triss sie daran zu erinnern versuchte. Und schließlich wurde sie stiller, akzeptierte, resignierte. Schulfreunde brachte sie nach anfänglichen Versuchen nicht mehr mit nach Hause, weil sie sich für den Zustand ihres Zuhauses und ihre Mutter schämte und so begann sie bereits früh, sich ein wenig zurückzuziehen. Umso überraschender war die Information, dass sie eine Hexe war. Magaret wirkte weniger überrascht und wehrte sich anfänglich dagegen, ihre Tochter an diese Welt zu geben, doch letztlich gab sie sich gegenüber den Zauberern und der Hoffnung ihrer Tochter geschlagen und Artemis verließ ihr Zuhause, um in Ilvermorny zur Schule zu gehen. In der magischen Schule blühte das Mädchen im ersten Jahr etwas auf, fand Freunde und genoss den geregelten Tagesablauf, in dem sie nur für sich selbst Verantwortung übernehmen musste. Alles war spannend und aufregend für eine muggelstämmige Hexe wie sie und sie war offen für all die neuen Wunder, die ihr neues Leben zu bieten hatte. Erst, als sie in den Schulferien zurückkehrte, schlug ihr die Realität wieder ins Gesicht. Statt die neuen Freundschaften zu vertiefen, kümmerte sie sich zuhause um all die Dinge, die liegengeblieben waren, während ihre Mutter erstaunlich stark darunter zu leiden schien, nun auch ihre Tochter verloren zu haben. Dass Magaret gewusst, oder viel mehr geahnt hatte, dass Artemis magisches Blut in sich hatte, weil ihr Vater ebenso ein Zauberer gewesen war, erfuhr das Mädchen bis heute nicht. Die Ferien verbrachte sie also damit, zuhause aufzuräumen, statt zu lernen. Doch obwohl sie mehr als einmal darüber nachgedacht hatte, abzubrechen, um für ihre Mutter da zu sein, tat sie es nicht. So ging sie jedes Mal wieder zurück in die Schule, hatte im Hinterkopf aber stets die Sorge um ihre Mutter, worunter nicht nur ihre bis dahin geschlossenen Freundschaften litten sondern auch ihre Noten. Artemis hielt sich wieder nur oberflächlich an ihre Freunde, lud sie in den Ferien nicht zu sich ein und schlug jegliche Einladung aus, um die wenigen Wochen zuhause zu nutzen, sich irgendwie um ihre Mutter zu kümmern. Das Einzige, worin sie stets etwas Ablenkung fand, waren die Pflanzen, mit denen sie ihren privaten Raum ausschmückte und das Malen in ihrer Freizeit, um den Kopf etwas freizubekommen. In AGs fand man sie so gut wie nie - abgesehen von der AG für Kräuterkunde, in der sie aber auch nicht zwingend an Zusammenarbeit interessiert war. In den Osterferien des vorletzten Schuljahres schließlich überraschte Magaret sie mit der Entscheidung, dass sie aus beruflichen Gründen nach Großbritannien gehen würden. Aufgrund ihrer zeitweisen recht guten Verfassung hatte sie dort einen neuen Job gefunden. Obwohl Triss nicht sonderlich wohl war bei dem Gedanken, kurz vor ihrem Abschlussjahr umzuziehen, unterstützte sie die Pläne ihrer Mutter in der Hoffnung, dass es ihr wirklich dauerhaft zuträglich sein würde. Inzwischen nämlich hatte sich ihr gesundheitliche Zustand dank des Alkoholkonsums über die Jahre etwas zugespitzt, auch wenn sie die Einschränkungen im Alltag noch gut zu überspielen wusste. Kleinere Erinnerungslücken, Geschichten, die sich von Mal zu Mal in ihren Details unterschieden – nichts, was jemandem groß auffiel, wenn er nicht tagtäglich Zeit mit ihr verbrachte. In den Sommerferien 1988 zogen sie also von Amerika nach England. Im Gegensatz zu Ilvermorny gestaltete sich das Abschlussjahr in Hogwarts deutlich schwieriger. Als muggelstämmige Hexe war ihr Start in Slytherin nicht gerade der beste und auch so mied sie ihre Mitschüler lieber, schwieg hauptsächlich und lernte für sich allein. Die Sorge um ihre Mutter zuhause machte es nicht unbedingt einfach, sich auf den neuen Stoff und die nahenden Abschlussprüfungen zu konzentrieren, die für sie nach dem Schulwechsel um einiges aufwendiger waren als für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Am Ende waren ihre Noten eben durchschnittlich, abgesehen von Zauberkunst und Kräuterkunde, was ihr auch in Ilvermorny bereits erstaunlich gut gelegen hatte. Das war letztlich auch der Grund, weshalb sie sich während des letzten Schuljahres in den Kopf setzte, nach dem Abschluss ein Studium in Zauberkunst zu beginnen. Das tat sie schließlich auch, auch wenn es nicht lange halten sollte. Sie hatte extra darauf geachtet, zuhause wohnen zu können, um so ein Auge auf ihre Mutter haben zu können und sich um den Haushalt zu kümmern. Artemis war zu stolz, um einzusehen, dass sie sich übernahm. Doch trotz ihrer Aufsicht kam eines Tages der Tag, der kommen musste: Die Hexe fand ihre Mutter bewusstlos am Boden, als sie nach Hause kam. Sie wusste sich im ersten Moment nicht anders zu helfen als mit Magie, die in Anbetracht ihrer eigenen Panik aber auch nicht sonderlich viel mehr brachte, als zusätzlich noch Ärger mit dem Ministerium. Sie rief die Rettung, die ihre Mutter als Notfall ins Krankenhaus brachte. Erst einige Tage später kam sie wieder zu sich und während Artemis statt in den Vorlesungen zu sitzen, an der Seite ihres Bettes saß, bekam sie durch die Ärzte sämtliche Prognosen mitgeteilt. Demenz, gab man ihr einen Begriff in die Hand, Korsakov-Demenz, um genau zu sein und nachdem man die häusliche Situation des Mädchens erfragt hatte, legte man ihr nahe, gemeinsam mit ihrer Mutter darüber nachzudenken, sie in eine Institution zu geben, in der man sich mit derlei Krankheiten auskannte. Für Artemis bedeutete das, dass sie sich ein Studium neben den Kosten für ein Pflegeheim ganz sicher nicht mehr leisten konnte. Auch die Wohnung, in der sie derzeit eigentlich mit ihrer Mutter lebte, ließ das Budget nicht mehr zu. Ein anderer Plan musste her – einer, der zwar schon länger in ihr gereift war, den sie allerdings nie wirklich ausgesprochen hatte. Sicher war nur, dass sie arbeiten musste und eine neue Bleibe brauchte. In dieser Zeit war ihr das Leben scheinbar einmal wohlgesonnen, denn wie der Zufall so wollte, wurde sie auf einen kleinen Laden in der Winkelgasse aufmerksam, der mit einer kleinen Wohnung in bezahlbarem Rahmen daherkam. Eine einmalige Gelegenheit, die Triss zu nutzen wagte, um sich anfänglich hauptsächlich mit selbstgemachten Tonwaren sowie einfachen Blumen, Pflanzen und Sträußen, später aber immer aufwendigeren und anspruchsvolleren und auch magischen Pflanzen selbstständig zu machen. Daneben erfüllte sie sich irgendwann den Traum mit ein paar selbst großgezogenen Schmetterlingen, die inzwischen in reger Artenvielfalt durch den Laden flattern. Daneben weitete sie das Angebot schließlich auch auf Kräuter und magische und exotischere Pflanzen aus. Mit Eröffnung des Ladens musste Artemis nicht nur gänzlich Verantwortung für sich und ihr Tun übernehmen, sondern sich gleichzeitig auch daran gewöhnen, allein zu sein. Etwas, was sie sich all die Jahre weniger furchterregend vorgestellt hatte, doch zu ihrem Glück war sie gar nicht richtig allein. Der Grund für die günstige Miete des Ladens war nämlich nicht bloße Kulanz, sondern die Tatsache, dass es darin spukte. Bertram, seinerseits eigentlicher Besitzer des kleinen Gebäudes, weigerte sich seit seinem Tod, die Räumlichkeiten zu verlassen. Nach anfänglichen gemeinsamen Schwierigkeiten allerdings arrangierten sich Geist und Hexe auf eigentümliche Art miteinander. Neben tagtäglichen Wortgefechten, Streitereien und Tagen, an denen sie kein Wort miteinander wechseln, waren sie tief in sich drin eigentlich froh, einander zu haben. Er ist immer mal wieder im Laden zu treffen, wenn ihm nach Kontakt zu Menschen ist. Insgeheim ist Triss ziemlich froh, mit ihm einen erfahrenen Geschäftsführer an der Seite zu haben, dessen Tipps sie zwar nicht selten nur mit einem Murren zur Kenntnis nimmt, letztendlich aber doch hier und da umsetzt. So schaffen sie es eben doch trotz all ihrer Verschiedenheit, einander irgendwie zu zeigen, dass sie einander schätzen, ohne dass es einer von ihnen aussprechen müsste. |